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2019

Im Interview: Dr. Markus Girnau, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland

Im Vorfeld des Food Safety Kongresses sprechen wir mit unseren Kooperationspartnern und Referenten über die Themen, welche die Branche momentan bewegen.

Dr. Markus Girnau, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland, beantwortete unsere Fragen zu den aktuellen Trends, den politischen Entwicklungen sowie den sich ändernden Anforderungen an die Lebensmittelwirtschaft im allgemeinen und den Qualitätsmanagern im Besonderen.

1. Erwartungen von Kunden gehen heute weit über das Thema Lebensmittelsicherheit hinaus. Welche Trends setzten sich Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren durch?

Neben dem Thema Lebensmittelsicherheit, das gerade durch die neue EU-Kontrollverordnung und den Fall „Wilke" mit Blick auf die Organisation der betrieblichen wie staatlichen Kontrollsysteme in der öffentlichen Diskussion wieder an Bedeutung gewinnt, drängen derzeit vor allem Fragen der Nachhaltigkeit gerade im Zusammenhang mit Lebensmitteln immer stärker in den Vordergrund. Die Themen nachhaltige Ernährung, Reduzierung von Lebensmittelverlusten, Reduzierung von Verpackungsmüll, Klimaschutzaspekte, artgerechte Tierhaltung, alternative Proteinquellen, vegetarische bzw. vegane Lebensmittel, Regionalität, aber auch die Förderung einer ausgewogenen Ernährung und eines gesunden Lebensstils werden weiter an Bedeutung gewinnen. Die neue Europäische Kommission wird diesen Trend in den nächsten Jahren durch die bereits angekündigte politische Schwerpunktsetzung eines „European Green Deal" und der Erarbeitung einer neuen „Farm to Fork -Strategie" für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung deutlich verstärken. Schließlich dürfte der stärkeren Nutzung digitaler Angebote im kundenrelevanten Feld einer transparenten Verbraucherinformation eine stärkere Bedeutung zukommen.

2. Gerade wurde unter Federführung des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung die nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung beschlossen. Wie beteiligt sich die Lebensmittelwirtschaft daran?

Gemeinsames, übergreifendes Ziel des Bundesministeriums wie der Lebensmittelwirtschaft ist es, die vermeidbaren Lebensmittelabfälle in Deutschland entlang der gesamten Wertschöpfungskette und beim Verbraucher in den kommenden Jahren wirksam zu reduzieren, nicht zuletzt um den mit der Produktion, der Vermarktung und dem Konsum von Lebensmitteln in Deutschland verbundenen Ressourceneinsatz effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung ist ein gesamtgesellschaftliches Ziel, das nur erreicht werden kann, wenn alle Akteure (Gesetzgeber/Staat; Wirtschaft, Verbraucher) aktiv dazu beitragen. Die Diskussion über konkrete sektorspezifische Beiträge der Lebensmittelwirtschaft soll in den geplanten sektorspezifischen Dialogforen erfolgen, an denen sich die Wirtschaft beteiligen wird. Hier sollen gemeinsame Lösungsansätze und Kommunikationsmaßnahmen erarbeitet werden, die für die jeweilige Wertschöpfungsstufe geeignet sind. Allerdings fällt nach Auffassung der Lebensmittelwirtschaft auch der Bundesregierung die wichtige Aufgabe zu, beim Erlass neuer oder der Änderung bestehender Rechtsvorschriften stets zu prüfen, welche Auswirkungen diese Rechtsvorschriften auf das Entstehen von (zusätzlichen) Lebensmittelabfällen bzw. –verlusten haben. In Abwägung mit weiteren Regelungszielen sind dort, wo dies vor dem Hintergrund des gesundheitlichen Verbraucherschutzes verantwortbar ist, Regelungen so auszugestalten, dass das gemeinsam verfolgte Ziel, Lebensmittelverluste und -abfälle zu reduzieren bzw. zu vermeiden, bestmöglich gefördert wird. Bestehende Zielkonflikte müssen in diesem Zusammenhang offen ausdiskutiert werden, im Zweifel muss die Politik eine Gewichtung der verfolgten Ziele vornehmen, da eine gleichzeitige Optimierung gegenläufiger Ziele nicht machbar ist.

3. Gesunde Ernährung ist auch ein Thema, auf das die Politik großen Wert legt. Im letzten Jahr wurde die Reduktionsstrategie beschlossen. In diesem Jahr ging es um die Nährwertkennzeichnung. Jetzt soll NutriScore als freiwilliges Nährwertkennzeichen kommen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Der Lebensmittelverband Deutschland (vormals BLL) hat die Idee einer erweiterten, visuell arbeitenden Nährwertkennzeichnung auf der Verpackungsvorderseite als Orientierungshilfe für Verbraucherinnen und Verbraucher von Beginn an unterstützt. Allerdings hatten wir ein eigenes, von uns präferiertes Modell der Nährwertkennzeichnung in die Diskussion eingebracht. Nach der Entscheidung der Bundesregierung für den Nutri-Score als empfohlenes Modell werden wir diese Entwicklung konstruktiv begleiten und selbstverständlich den Unternehmen die Entscheidung über die freiwillige Nutzung überlassen. Um allerdings -wie politisch gefordert- die „gesunde Wahl zur einfachen Wahl zu machen" und damit einen positiven Beitrag zur Übergewichtsprävention bzw. –bekämpfung zu leisten, muss aber eine Anpassung des Nutri-Score-Systems an die tatsächlichen Ernährungsgewohnheiten der Verbraucher sowie geltende Ernährungsempfehlungen in den Vermarktungsländern erfolgen. Schließlich sind mit Blick auf die derzeitige Anknüpfung und Verwendung einer französischen Marke noch einige rechtliche Fragen zu klären. Eigentliches Ziel muss es aber sein, das Nährwertkennzeichnungsmodell europäisch zu verankern, um sämtliche europäische Ernährungsgewohnheiten angemessen abzubilden.

4. Die gesellschaftliche und politische Entwicklungen haben zur Folge, dass sich die Anforderungen an die Hersteller von Lebensmitteln ändern. Die großen Anliegen in Zusammenhang mit Lebensmitteln sind Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit, Fairness, Regionalität. Insbesondere auf Verpackungen würden entsprechend immer mehr Informationen, Logos und Claims erscheinen. Was kommt dabei insbesondere auf die Qualitätsmanager zu?

Der Einfluss von gesellschaftspolitischen Strömungen und Diskussionen auf die Themenbereiche Ernährung und Lebensmittel nimmt tatsächlich immer stärker zu. Damit verändern sich auch die Wahrnehmung und der Blick von Verbraucherinnen und Verbraucher auf das Lebensmittelangebot und die für die Auswahl und den Kauf der Produkte angelegten Kriterien. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die Zusammensetzung, die Herkunft, die Kennzeichnung und die Bewerbung von Lebensmitteln in einem sehr wettbewerbsintensiven Markt. Daran wird zwangsläufig die Frage anknüpfen müssen, wie die stetig anwachsende Flut von Verbraucherinformationen auf den Etiketten der Lebensmittel künftig so kanalisiert werden kann, dass den Verbraucherinnen und Verbrauchern noch eine in der Praxis tatsächlich genutzte Orientierungs- und Entscheidungshilfe geboten werden kann. Diesbezüglich ist eigentlich eine grundsätzliche politische Diskussion der beteiligten Akteure über eine sinnvolle Trennung zwischen Verbraucherinformationen erforderlich, die zwingend auf dem Etikett eines Lebensmittels enthalten sein müssen sowie ergänzenden, zum Teil zielgruppenspezifischen Informationen, die zusätzlich über digitale Lösungen bereit gestellt werden können.

5. Auf dem Food Safety Kongress werden die erwähnten Themen alle zur Sprache kommen. Was ist für Sie der Mehrwert dieses Kongresses?

Der Food Safety Kongress bietet zum einen ein vielfältiges und interessantes Fachprogramm, das die ganze Themenbreite und die aktuellen Branchenherausforderungen in den Bereichen Lebensmittelsicherheit und Lebensmittelqualität abbildet. Darüber hinaus ist über ein über viele Jahre etabliertes, wichtiges Forum der Lebensmittelbranche zum persönlichen Austausch und zur Vernetzung untereinander wie zum Kontaktaufbau zu anwesenden Behördenvertretern. In dieser Kombination liegt für mich der besondere Mehrwert des Food Safety-Kongresses.

Food Safety Kongress 2021

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