×

Stellungnahme zum Coronavirus

In Zeiten des Coronavirus agieren auch wir als Event-Veranstalter unter neuen Rahmenbedingungen. Hierbei hat für uns als verantwortungsvoller Gastgeber die Gesundheit unserer Mitarbeiter*innen, Teilnehmer*innen und Partner höchste Priorität. Eine verbindliche und perspektivische Planung unserer Live-Veranstaltungen ist durch die sich regelmäßig ändernden Gegebenheiten und Vorgaben derzeit schwierig. Um weiterhin Ihren Anforderungen nach werthaltigen Inhalten, Orientierung und Austausch Rechnung zu tragen, entwickeln wir digitale Alternativen zu einer Vielzahl der anstehenden Veranstaltungen. Die Möglichkeiten einer ergänzenden Live-Durchführung prüfen wir regelmäßig und richten uns dabei nach den jeweils geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen und tatsächlichen Gegebenheiten.

Wir freuen uns darauf, Sie weiterhin zu informieren und zu vernetzen!

Ihre Geschäftsführung der Management Forum der HANDELSBLATT MEDIA GROUP GmbH

Interviews

Felix Jahnen
Head of Digital Marketing und Head of Brand Marketing bei Jägermeister

Krass breite Zielgruppe

Aus der Kombination von Facebook-Messenger, Bot-Technologie und zwei bekannten Rappern machte Jägermeister Ende letzten Jahres einen Rap-Bot zur Selbstbedienung. Der spielerische Ansatz zeigt: Das 1:1-Marketing der Zukunft macht vielleicht gar nicht der Marketer sondern der User.

Der Ansatz ist so einfach wie verblüffend. Der User startet den Facebook-Messenger, sucht dort den Jäm Bot, beginnt die Konversation mit „Start" und schon beginnt ein kleiner Dialog mit zwei Rappern, der am Ende zu einem kleinen personalisierten Rap-Video führt, dass zielgerichtet dafür produziert ist, an andere Nutzer weiter geleitet zu werden. In der Live-Phase der Kampagne konnten die User sogar direkt mit den Rappern interagieren.

Felix Jahnen, Head of Digital Marketing und Head of Brand Marketing bei Jägermeister spricht über die teils schwierigen Umgebungsbedingungen für innovatives Marketing bei Alkoholika und über die Bedeutung von Bots fürs Marketing.


Mehr Automatisierung in der Marketingabteilung hält Felix Jahnen für Blödsinn

Welche Rolle spielt Online Marketing für Jägermeister? Alkohol ist nicht unproblematisch.
Felix Jahnen, Head of Marketing von Jägermeister: So klar unser Ziele einer starken und möglichst breiten Marketingansprache natürlich sind - der Schutz von Minderjährigen ist es für uns auch und selbstverständlich. Wir sind Mitglied in den wichtigsten Verbänden, die lokal und global die wichtigsten Regel und Grundsätze dazu definieren und halten uns hieran, oft sogar noch strenger als gefordert. Dazu gehört z.B. ein Age-Targeting zu nutzen und hier jeweils das strengste. Das erlaubt auch ein Sharing nur kontrolliert und wird sowohl für unsere owned Plattformen als auch in Media eingesetzt, hier z.B. auch mit weiteren Logiken wie z.B. einer zeitlichen Aussteuerung von Spots in den Abendstunden statt rund um die Uhr. Dass wir damit nur Volljährige adressieren ist also gewährleistet; und ja, diese sehr scharf ausgesteuerte Kommunikation bewirbt dann unser Produkt und damit einen hochprozentigen Alkohol und hierin den Aspekt, dass es ein Lifestyle-Thema ist, das in allen Kulturen über Jahrhunderte fester und auch gewünschter Bestandteil der Gesellschaft ist.

Wie ist das International? Gibt es Länder in denen Social Media und Jägermeister gar nicht funktioniert?
Jahnen: Es gibt auf der einen Seite Länder, die aus diversen Gründen auch aus einer ohnehin schon sehr fragmentierten globalen Sicht komplett anders funktionieren, wie z.B. China durch Firewalls und andere Plattformen wie Xeibo. Auf der anderen Seite gibt es Märkte, die keinerlei Kommunikation von Spirituosen oder Alkohol erlauben, wie z.B. Norwegen.

Wie hip ist die Jägermeister-Zielgruppe?
Jahnen: Das ist global betrachtet sehr unterschiedlich – grundsätzlich kann man aber sagen, dass wir insgesamt oft eine sehr junge Verwenderschaft und Fans haben, worauf wir sehr stolz sind. In Deutschland ist die vielzitierte Verjüngung der Marke schon lange abgeschlossen und wir haben deshalb eine insgesamt krass breite Zielgruppe. Ich kenne wenige Marken, die bei der ungestützten Bekanntheit echte 100% erreichen und dann dazu noch passende Geschichten erzählen können. Hier in Deutschland ist eher das ständige Halten der Verjüngung unser Job. Ich nenne das immer das Petra-Problem – die Petra war mal eine Zeitschrift für junge Frauen, wie die Intouch. Nice und fresh, wie man heute sagen würde.

Die eigentliche Frage: hip? Tja, jung ist nicht immer hip und hip nicht immer jung. Grundsätzlich sprechen wir eher urban, modern denkende weltoffene und mobile Zielgruppen an – und selbst wenn objektiv oder auch subjektiv gesehen diese Beschreibung auf mich nicht passt, sind das Eigenschaften und Charaktere, mit denen ich mich gerne zeige oder Zeit verbringe – auch bei einer Marke, das ist ja der nicht geheime Kern einer jeden „purpose-driven" Brand, als welche wir uns sehen.

Der Kern der Dezember-Kampagne ist der Jäm Bot. Können Bots auf Dauer das Marketing verändern oder ist das ein Hype?
Jahnen: Wenn man sagt „ich stehe im Stau", sollte man eher sagen „ich bin der Stau". Vielleicht sind wir ja gerade der Hype, wenn wir mitmachen. Chatbots können ganz klar Aufgaben übernehmen, wenn ich direkt digitale Conversions machen kann und Beschwerden oder Rückfragen erlauben will oder muss. Die Spracherkennung wird immer besser (Siri, Alexa, ...) und Chatten ist im Aufwind – viele haben vergessen, dass Sie ein Telefon in der Hand halten und verabreden sich lieber einfach per Whatsapp als zu telefonieren. Alles Anzeichen dafür, dass alles was auf einem natürlichen Dialog per Text basiert, Aufwind hat. Wenn man aber eine Spirituosen-Marke von 1878 ist und man mich eigentlich nur im Regal und an der Bar kaufen kann, ist ein Chatbot natürlich ein Experiment.


In einem kleinen Dialog bestimmt der User die exakte Variante des fertigen Clips und kann
diesen anschließend versenden

Ist die neue Idee von 1:1-Marketing, das User aus Marketing-Assets Clips für andere User machen?
Jahnen:
Klar, dass die User den Content für mich weiterleiten - meist an engste Freunde und damit viel dichter, als es jeder 4 Mrd. $ Lookalike-Algorithmus von Facebook je könnte - ist ein hochinteressanter Aspekt.
Die Erwartung sollte aber nicht sein, und war sie bei uns auch nicht, eine dezentrale virale Wunderwelle zu erwarten, die man zudem ja nur schwer messen kann.
Viel wichtiger und interessanter ist die Relevanz. Wenn das wie beim JämBot auf mich speziell zugeschneidert ist, ist die Hemmschwelle, das enthusiastisch weiterzuleiten doch Null und die Identifikation damit 100. Das ist doch der Moment, wo hoffentlich die Liebe auf uns als Marke überschwappt – gleich nach dem Moment, wo ein Freund das bekommt.

Wie hat man die Kampagne beworben?
Jahnen: Digital betrachtet ganz klassisch – mit einer Art mysteriösem Teaser, der die Liebe zu Hip Hop und die Künstler zelebriert, und dann einem Reichweiten-Muskel. Fokus hier natürlich auf Facebook und spezielle Messenger-Ads, um möglichst keine Medienbarriere zu haben, Targeting auf Musikfans, mit und ohne Schnittmenge zu uns.


Die Jägermeister-Kampagne erfogte dreistufig im Dezember: Mystery-Teaser –
Live-Personalisierung – Bot mit vorgefertigten Videos

Wie gut ist das Jägermeister-Marketing in Sachen Automatisierung und digitalem Wandel?
Jahnen: Automatisierung im Marketing zu erwarten ist in meinen Augen schlicht und ergreifend bullshit. Digital wird immer fragmentierter und ja Tools, Prozesse und Dashboards smarter, trotzdem werden wir immer gute und motivierte Menschen brauchen.

Erinnert sich noch jemand an die Idee vom papierlosen Büro? Fragen sie mal Papierhersteller, wie das funktioniert hat. Und wer hasst nicht das Paar Sneaker, das einen in Cookie-Bannern bis in die Instagram-App wochenlang verfolgt, obwohl man es gestern bestellt hat. Sonst läuft das bei uns sehr gut – deshalb muss ich jetzt auch los, meine Shuttle-Drohne kommt gleich.

Felix Jahnen spricht auf dem Digital Marketing Kongress in Hamburg am 20. und 21. Juni.

Und das ist der Jäm Bot

 

 

Hedwig Hartmann Marketingdirektorin Burger King

Ist Facebook live wirklich live?

Im März machte Burger King mit dem Specktakel auf sich aufmerksam, einer Gameshow rund um Burger und Speck. Die interaktive Show fand auf Facebook live statt und stellte den Social Media Konzern vor neue Herausforderungen.


Hedwig Hartmann verwendet rund ein Viertel Ihres Mediabudgets für Facebook

Welche Rolle spielt Social Media für Burger King?
Hedwig Hartmann:
Social Media spielt eine enorm große Rolle für uns. Wir haben eine sehr große Community dort und die ist auch sehr aktiv. Da entsteht viel Feedback. Wir können dort sehr zielgerichtet auf unsere Fans eingehen und sie dort abholen. Facebook ist der mit Abstand wichtigste Kanal, nicht nur für die Community sondern auch durch gezielte Werbeschaltung. Es geht also auch um neue Gäste.

Außerdem steht unsere Marke ja nicht nur für Essen sondern wir sind auch eine Marke, die Spaß macht. Das passt sehr gut zu Social Media. Zum Beispiel ist unser Instagram-Kanal sehr lifestylig.

Sie sprechen über das Thema persönliche Ansprache und haben aber ein vergleichsweise überschaubares Produktportfolio. Wie viel Personalisierung ist da möglich? Geht es Ihnen mehr darum, Nähe aufzubauen?
Hartmann:
Verglichen mit einem Supermarkt haben wir vielleicht ein kleines Produktportfolio aber wir haben doch eine Vielzahl an Geschmacksrichtungen und Produktvarianten und der Gast kann sich den Burger ja auch selbst zusammenstellen. Da gibt es sehr viel Potential um auch Produkt-bezogen zu personalisieren. Denken Sie schon allein an die Unterscheidung zwischen Rindfleisch- und Chicken-Produkten.

Ein ganz wichtiger Hebel sind hier auch die Aktionsgutscheine, die wir hoffentlich genau zu dem Zeitpunkt ausspielen, wenn der Hunger kommt.

Wie sind Gutscheine auf Social Media zu sehen vor dem Hintergrund, dass die meisten der erreichten Kontakte ja Bestandskunden sind?
Hartmann:
Wenn wir Werbung schalten nutzen wir zum Beispiel einen programmatischen Ansatz. Da schauen wir genau darauf, wo wir was für wen schalten. Das hat viel Neukundenpotential. Beispielsweise sind viele Gäste sehr Gaming-affin. Daraus können wir einen Zusammenhang herstellen.

Ein weiteres Thema ist der Lieferservice. Der ist in mehr als 100 von 700 Restaurants bereits verfügbar. Hier hilft uns das Regiotargeting von Facebook dabei, die Werbung nur dort auszuspielen, wo die Lieferung auch möglich ist. Bei einer Deutschland-Kampagne wäre das nicht machbar.

Wie viel Geld geben Sie für bezahlte Formate auf Facebook aus?
Hartmann:
Konkrete Zahlen nennen wir nicht, aber so in etwa ein Viertel unseres Mediabudgets landet auf Facebook.

Stichwort Regionalität: Wie gehen Sie auf Social Media mit Feedback um. das nicht die Kette an sich sondern einzelne Restaurants betrifft. Die sind ja Franchisenehmer und unabhängig.
Hartmann:
Die erste Stufe ist das Community-Management auf Facebook. Wir leiten die Fragen an die Restaurants weiter oder geben die Antworten selbst. Dann haben wir ein dezidiertes Service-Team, das sich auch um solche Themen kümmert. Und wir haben tatsächlich den Kassenzettel als Feedback-Instrument. Da sind die Kontaktdaten der Restaurants hinterlegt. Feedback das darüber kommt, geht zwar auch über das Service-Team, landet dann aber direkt beim jeweiligen Restaurant.

Wie viele Menschen nutzen den Kassenbon als Feedback-Kanal?
Hartmann:
Das ist regional sehr unterschiedlich, aber es wird schon sehr gut genutzt.

Wie funktioniert Social Media in anderen Ländern für Burger King?
Hartmann:
USA nutzt zum Beispiel Twitter sehr stark. Das machen wir in Deutschland nicht.

Sie haben kürzlich ein Burger King Speckatel durchgeführt. Was passierte da genau?
Hartmann:
Specktakel ist eine Premiumkampagne. Es ging rund um das Thema Speck. Wir haben uns dieses Jahr entschieden über Facebook Live ein Spektakel zum Specktakel zu veranstalten. Ich erwähnte ja bereits, dass unsere Community Gaming-affin ist, also hatten wir die Idee, eine Gaming-Show über Facebook Live zu machen.


Moderator Aaron Troschke flocht immer mehr aktuelle Informationen ein, um den
Live-Charakter des Events zu illustrieren

Und das sah wie aus?
Hartmann:
Parallel zur Restaurant-Kampagne haben wir drei Online-Gameshows gemacht. Die fanden immer Sonntagnachmittags statt, zur Facebook-Primetime. Im März sitzen die Leute eben noch nicht im Biergarten. Zunächst haben wir uns Preise ausgedacht, die zur Zielgruppe passen. Das waren zum Beispiel Reise- oder Event-Gutscheine aber auch Merchandisingartikel. Wir haben ein Studio eingerichtet und der Moderator hat dem Facebook-Publikum dann Fragen gestellt. Diese Fragen mussten Live in den Kommentaren beantwortet werden. Für den Gewinner wurde dann ein Glücksrad gedreht und dadurch entschieden, welchen Preis er bekommt.


Bis zu 70 Kommentare pro Sekunde trudelten bei den Live-Shows ein

Wie funktionierte die Auswahl des Gewinners?
Hartmann:
Das war ein Zufallsgenerator. Da hatten wir die Unterstützung von Facebook. Das war bei bis zu 70 Kommentaren pro Sekunde durchaus eine Herausforderung. Die Zeit, in der Kommentare abgegeben werden konnten, war auf 45 Sekunden begrenzt. Am Anfang war es schwierig, aber von Show zu Show funktionierte das immer besser. Das war auch für Facebook absolutes Neuland.

Funktionierte das Live-Streaming als solches reibungslos?
Hartmann:
Ja, aber was uns wirklich überrascht hat war, dass man uns nicht geglaubt hat, dass wir wirklich live waren. Da haben wir mit der Zeit immer mehr Elemente eingebaut um zu zeigen, dass das live ist. Zum Beispiel hat Moderator Aaron Troschke Kommentare vorgelesen und er hat die Ergebnisse aus der Fußball-Bundesliga durchgegeben.

Wie haben Sie die Veranstaltung beworben?
Hartmann: Wir haben immer wieder auf Facebook darauf hin gewiesen, wir haben einen Termin bei Facebook vermerkt, wir haben Bild Sport als Partner dabei gehabt und wir waren in den Tagen vor der Show schon mit dem Glücksrad in ausgewählten Restaurants unterwegs. Natürlich hat uns auch die Presse geholfen.

Wie beurteilen Sie die Gesamtergebnisse?
Hartmann:
So ganz isoliert können wir die Wirkung der Kampagne nicht betrachten, weil meistens mehrere parallel laufen. Wir sehen zwar, wer direkt bei Facebook Live dabei war und kommentierte, aber die direkten Effekte auf den Restaurantumsatz können wir kaum isolieren. Im Grunde bedient der Ansatz alle drei Ziele, nämlich eine positive Markenwahrnehmung, Awareness für unsere Premiumprodukte und auch Absatz. Konkrete Zahlen nennen wir nicht, aber wir sind sehr zufrieden.

Würden Sie so etwas wieder machen?
Hartmann:
In der Art auf jeden Fall, aber wir schauen natürlich auch schon nach dem nächsten neuen Format.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Hartmann. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag auf der Digital Marketing im Juni.

 

 

Interview mit Dr. Andrea Malgara

Diskussionsrunde: „Markenkommunikation ohne Streuverlust – Macht datengestützte Werbung die gute alte Reichweite überflüssig?"


Dr. Andrea Malgara

Fangen wir doch mit dem Titel der Diskussionsrunde an: Macht datengestützte Werbung die gute alte Reichweite überflüssig?

AM: Schon bei der Fragestellung werden Unschärfen in den Begrifflichkeiten deutlich. Datengestützt wird in den aktuellen Diskussionen häufig mit Programmatic Buying, Realtime Bidding oder profilbasierte Aussteuerung gleichgesetzt – was letztendlich nur Facetten von einem ganzheitlichen Data-Driven-Marketing sind oder sein können. Datengestützte Werbung heißt erst mal nur das, was in den Begriffen enthalten ist: Marketing und Media werden auf Basis von Daten und Erkenntnissen geplant. Prinzipiell ist das erst mal kein Widerspruch zu einer guten, alten, reichweitenoptimierten Mediaplanung. Streng genommen sind so gut wie alle TV-Planungen schon immer datengestützt gewesen, eben auf Basis von AGF-Daten.

Die Frage muss somit eher lauten: Sind programmatische, profilbasierte Mediaplanungsansätze hinsichtlich Effizienz und Zielerreichung den „einfachen" Reichweitenplanungen überlegen?

Dann stellen wir die Frage eben genau so: Sind programmatische Ansätze effizienter? Oder haben die klassischen Reichweitenmedien jetzt und in Zukunft Effizienznachteile?

AM: Bezogen auf das reine E-Business gerät ein Massenmedium wie TV hinsichtlich ROI gegenüber den digitalen Kanälen, insbesondere den Performance-Kanälen, in den meisten Fällen ins Hintertreffen. Aber hierbei betrachtet man nur den Effizienzaspekt, hinsichtlich Effektivität ergibt sich dann häufig ein anderes Bild. In der alltäglichen Praxis zeigt sich, dass ab einem gewissen Punkt digitale Performancekanäle bzw. programmatische Ansätze nur noch bedingt skalieren können, u.a. auch, weil wertvolle Profile in der digitalen Welt letztlich auch endlich sind. Reichweitenstarke Kanäle wie TV streuen zwar breit, aber erreichen für einen sehr günstigen Preis ein viel breiteres Publikum. Es wird Nachfrage generiert, die letztendlich auch die digitalen Kanäle pusht. An dieser Stelle ist es auf eine gewisse Weise sogar legitim das „Unwort" Streugewinne anzuführen.

Davon abgesehen, haben wir bisher nur vom reinen e-Business gesprochen. Der Großteil des Umsatzes findet immer noch im stationären Handel statt und ein Großteil der Käuferschaft ist immer noch eingeschränkt über digitale Kanäle zu erreichen. Die Hausfrau, die Samstagsmorgens Prospekte aus dem Briefkasten nach Angeboten durchsucht, ist immer noch häufiger anzutreffen, als manche denken.

Sie führen sogenannte Streugewinne an und die Wirkung des klassischen Prospekts? Auf den ersten Blick eine sehr antiquiert wirkende Argumentation. Wie passt dies zu dem von Ihnen häufig propagierten Data-Driven-Marketing?

AM: Wenn man den aktuellen Markt betrachtet, fällt auf, dass die meisten Anbieter, die sich Programmatic Advertising oder Data-Driven-Marketing auf die Fahnen schreiben am Ende rein auf digitale Kanäle beschränkt sind. Offline-Kanäle wie TV werden, wenn überhaupt, nur auf Basis einer „einfachen" Berechnungen eines kurzfristigen TV-Uplifts berücksichtigt. Somit wird nur ein Teilbereich von Marketing und Media abgebildet. Weitere relevante Einflussfaktoren, wie Wetter, Saisonalitäten usw. werden ebenfalls nicht abgebildet.

Für ein umfassendes Data-Driven-Marketing benötigen Sie neben der digitalen Messbarkeit auch statistische Ansätze und Algorithmen, um die Wirkung von Marketing und Media in vollem Umfang zu quantifizieren. Mit der Plan.Net Business Intelligence als analytischen Arm der Serviceplan-Gruppe haben wir hierbei in den letzten Jahren unsere Kompetenzen sukzessive erweitert und einen immer umfangreicheren Pool an Erkenntnissen geschaffen.

Die Ergebnisse lassen sich recht einfach zusammenfassen: Großformatige, reichweitenstarke Mediamaßnahmen haben den effektivsten Einfluss auf den Markenerfolg. Wohlgemerkt den effektivsten, nicht zwingend den effizientesten. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist eine gelungene Orchestrierung aller Kanäle. Reichweitenstarke Medien generieren allgemeine Nachfrage, auch bei Konsumenten, die nicht zwingend Teil der Kernzielgruppe sind. Dabei ist hier kein prinzipieller Widerspruch zum programmatischen Einkauf zu erkennen. Auch in reichweitenstarken Medien kann die Relevanz beim Konsumenten zusätzlich erhöht werden, z.B. über dynamischen Content und Motive. Unabdingbar ist aber dabei, dass die erhöhte Relevanz bzw. die Nachfrage kanalisiert und am Ende konvertiert wird.

Ganz nebenbei scheinen wir mit unseren Erkenntnissen auch nicht alleine zu sein. Es wird schon einen Grund haben, warum ausgerechnet Data-Driven Companies wie beispielsweise Amazon verstärkt in klassischen TV investieren.

Kommen wir noch einmal auf Streugewinne zurück oder Konsumenten, die nicht zur Zielgruppe gehören. Wie kann dies für Effizienz in der Mediaplanung stehen?

AM: Betrachten wir einmal typische Zielgruppendefinitionen oder Segmentationen. Meistens haben diese den Anspruch, den Kern der Nutzerschaft eines Produkts oder einer Marke anzusprechen – was auch richtig so ist. Am Ende werden Sie aber feststellen, dass diese Kernzielgruppe nur 20 – 30 Prozent der eigentlichen Nutzer/Käufer umfasst. Alternativ hätten Sie natürlich die Möglichkeit, die Zielgruppe auf alle zu erweitern, was wenig zielführend ist. D.h. Reichweite, insbesondere bei massentauglichen Produkten, ist erst mal durch nichts zu ersetzen. Aber bitte verstehen Sie mich nicht falsch, trotzdem sollte es die richtige Reichweite in der richtigen Zielgruppe sein.

Nehmen wir mal an, wir übertragen diesen Fall ganz vereinfacht auf einen programmatischen, profilbasierten Ansatz. Konkrete Produktsuche erst mal außen vor gelassen. Man würde streng genommen 70 – 80 Prozent der potentiellen Käufer nicht erreichen. Ein schlauer Algorithmus würde das natürlich erkennen und die Zielgruppensegmente entsprechen erweitern – am Ende wäre das Ergebnis wieder eine reichweitenoptimierte Planung.

Als abschließende Frage, wie schätzen Sie die Zukunft von programmatischem Einkauf und klassischer Reichweitenplanungen ein?

AM: Zweifellos gehören programmatischen Modellen die Zukunft, wenngleich noch nicht abzuschätzen ist, wie schnell diese Entwicklung vonstattengehen wird. Gleichwohl wird es nicht heißen, dass Kampagnen zukünftig nur kleinteilig auf einzelne, vermeintlich wertvolle Profile ausgesteuert werden. Je massentauglicher ein Produkt, desto mehr bleiben reichweitenstarke Kampagnen die Basis der Kommunikation. Eine programmatische Aussteuerung kann hier sicherlich die Relevanz beim Konsumenten erhöhen. Das oben angesprochene Thema Zielgruppe wird im Zuge dieser Entwicklung auch deutlich dynamischer werden.

Wir beobachten schon jetzt, dass der Übergang zwischen Reichweiten- bzw. Branding-Kampagnen und dem, was man gerne als Online-Performance bezeichnet, immer fließender wird. D.h. der Wechsel von Branding-Formaten und Aussteuerung in einer Zielgruppe zu einer akuten, interessensbasierten Angebotskommunikation, oder auch umgekehrt, erfolgt immer schneller und dynamischer – idealerweise device-übergreifend.